Intersektionalität

„Man wird nicht um uns herumkommen. Ob man will oder nicht“

Martha Dudzinski setzt sich für Chancengleichheit und die Überwindung intersektionaler Diskriminierung ein. 2017 gründete sie dafür eine Initiative. Was treibt sie an?

 © SWANS

 

Eigentlich wollte Martha Dudzinski immer Journalistin werden. „Schon als ich in der fünften oder sechsten Klasse war, bin ich in die Redaktion unserer Lokalzeitung marschiert und habe angeboten, freie Mitarbeiterin zu werden. Das fanden die damals noch süß.“ Ein paar Jahre später – Martha ist ungefähr 15 Jahre alt – fing sie dann tatsächlich an, für die Lokalzeitung zu schreiben. Erst für die Jugendseite, später auch für andere Themen. Was Martha sich vornimmt, das setzt sie um.
 
Sie wurde Journalistin. Studierte dafür in München und Edinburgh und wurde Stipendiatin der Journalisten-Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung. Nach Stationen im Bundespresseamt und als Pressesprecherin eines großen Automobilkonzerns hat sie aber gemerkt, was sie eigentlich antreibt. „Ich will auf gesellschaftliche Missstände hinweisen“, sagt Martha. Das konnte sie im Journalismus zwar machen. Aber nun wollte sie ihre Energie anders bündeln.


Wo ist das Netzwerk für unterschiedliche Lebensrealitäten?
 

Schon während ihrer Festanstellung gründete sie 2017 die Initiative SWANS mit. SWANS kommt aus dem Englischen und bedeutet übersetzt Schwäne. Diese weißen, majestätischen Tiere sind bekannt dafür, einzelkämpferisch zu sein und ihr Territorium zu verteidigen. Marthas Organisation will jedoch mit diesem Bild brechen und zeigen, dass es stattdessen auf Qualifikationen und Stärken ankommt – und auf ein solidarisches Gruppengefüge. Also unterstützt SWANS Frauen mit Einwanderungsgeschichte, indem sie ihnen Zugang zu Jobs, Netzwerken und Ressourcen verschafft. Zum Beispiel in Form von Seminaren, Bewerbungschecks oder Coachings.
 
„Unser Ziel ist es, mehr Frauen mit Migrationsgeschichte in die Führungsetagen zu bekommen“, sagt Martha. Sie selbst hat eine Einwanderungsgeschichte, ihre Familie kommt aus Polen. Sie hat selbst erlebt, dass es für Frauen, die intersektionale Diskriminierung – also mehrere Formen der Diskriminierung – erfahren, kaum berufliche Netzwerke oder Austauschräume gibt. Deswegen hat sie sich mit anderen Frauen, denen es ähnlich geht, zusammengetan und sorgt dafür, dass sich das in Zukunft ändert.
 
In Frauennetzwerken, die Einwanderungsgeschichten oft ausblenden, fühlte sich Martha nie so richtig wohl. „Dort werden Themen besprochen, die nicht immer unserer Lebensrealität entsprechen. Wenn deine Eltern nach Deutschland eingewandert oder geflüchtet sind, hast du meistens andere sozioökonomische Bedingungen.“ Geprägt hat sie, wie mit ihrer Familie, insbesondere mit ihrer Mutter, in Deutschland umgegangen wurde.
 
Martha ist es besonders wichtig, klarzustellen, dass SWANS eine Teamleistung ist: Die Menschen, die die Workshops, Schulungen oder Vorträge durchführen, wissen, wovon sie sprechen. „Wir sind alle Teil der Zielgruppe. Also Frauen, die nicht nur aufgrund ihrer Geschlechtsidentität, sondern beispielsweise auch aufgrund ihrer sozialen und ethnischen Herkunft Nachteile auf dem Arbeitsmarkt erfahren.“

 

Wenn deine Eltern nach Deutschland eingewandert oder geflüchtet sind, hast du meistens andere sozioökonomische Bedingungen.
Martha Dudzinski, Geschäftsführerin von SWANS


 

Martha reflektiert dabei immer ihre eigene Rolle. Als weiße Frau, die in Deutschland geboren wurde, habe sie es vergleichsweise gut, sagt sie. „Ich bin sozial aufgestiegen, da mache ich mir überhaupt keine Illusionen.“ Umso wichtiger ist es ihr, einen Beitrag zu leisten und Schwäne – so nennt sie die jungen Frauen – zu fördern.
 
Ihre eigenen Erfahrungen kann sie in die Arbeit einbringen: „Mein ganzes Leben lang wurde mir gesagt, ich soll mich nicht so anstellen, nicht so empfindlich sein. Einfach härter arbeiten“, erinnert Martha sich. Und trotzdem wurde sie ständig unterschätzt. „Mit welcher Selbstverständlichkeit die Leute davon ausgegangen sind, dass mein Deutsch nicht gut ist, nur weil ich auch Polnisch als Muttersprache im Lebenslauf angegeben habe.“ Statt die Vorteile einer Mitarbeiterin mit zwei Muttersprachen zu sehen, wurde ihr mit Vorurteilen begegnet.

 

Von der Journalistin zur Gründerin: Martha Dudzinski setzt sich mit ihrem Team für Frauen mit Einwanderungsgeschichte, die sogenannten Schwäne, ein. © Mina Esfandiari



Und das geht vielen Frauen mit Einwanderungsgeschichte so. Martha findet das unverständlich – und auch aus Unternehmensperspektive sei es ein Fehler. „Wir haben jetzt eine Generation von jungen, gut ausgebildeten Frauen mit Einwanderungsgeschichte. Sie sind selbstbewusst, wollen Karriere machen und haben hart gearbeitet. Wir sollten sie fördern.“ Damit thematisiert sie auch, dass es gerade in Zeiten des Fachkräftemangels für unsere Gesellschafft essenziell ist, das Potenzial aller kompetenten Mitarbeitenden voll auszuschöpfen. Denn hier besteht noch Nachholbedarf.

 

Emotionen als Antrieb für Veränderung
 

Dass das Potenzial hier nicht ausgeschöpft wird, ist für die Gründerin oft frustrierend. Aber selbst negative Emotionen können zu etwas Positivem führen – diese Erfahrung hat Martha gemacht: „Wut ist für mich ein sehr prägendes Gefühl – vor allem, weil sie für mich immer ein großer Antrieb ist“, sagt sie. Und Antrieb braucht man, damit es vorwärtsgeht. Das sieht sie auch in der Arbeit von SWANS: Die Schwäne, also die jungen Frauen, bekommen durch die Initiative zum Beispiel Informationen zu Stipendien. „Schwäne, die sich erst nicht getraut haben, sich auf ein Stipendium zu bewerben, haben es nach einem Seminar von uns doch gewagt – und das Stipendium bekommen.“ Oder diejenigen, die sich einen Job nicht zugetraut haben und ihn dann doch angetreten sind. „Verdient hätten es die Schwäne schon vorher. Was sie bei uns bekommen, ist konkretes Wissen. Und manchmal brauchen sie vor allem den Zuspruch, das Wissen darüber, dass man sich überhaupt bewerben kann.“ 
 
Dass sich aktuell etwas verändert, merkt auch die SWANS Initiative. „Die ersten Unternehmen sagen: Wir wollen nicht nur Sabine, sondern auch Fatma und Ayşe erreichen“, sagt Martha. Es gibt Fördergelder für solche Themen, Preise und Auszeichnungen. „Gerade dieses Jahr hat die Bundesregierung das Thema Intersektionalität in Ausschreibungen drin, um Projekte gezielt zu fördern.“ Das heiße auch, so Martha, dass sogar Unternehmen, die bisher noch keinen Fokus auf Themen wie Diversity und Chancengleichheit legten, nicht darum herumkämen, sich damit zu beschäftigen.
 
Inzwischen ist die SWANS Initiative gewachsen. Martha Dudzinski ist mittlerweile geschäftsführende Gesellschafterin, und es gibt ein festangestelltes Kernteam. Mindestens genauso wichtig sind aber auch die Ehrenamtlichen. „Das sind Menschen, die zum Teil studieren, zum Teil in Vollzeitjobs stecken, die mehrere Kinder haben. Die machen das in ihrer Freizeit.“ Weil ihnen die Arbeit so wichtig ist.

 

 

 

Artikel teilen

Merkliste

Hier können Sie interessante Artikel speichern, um sie später zu lesen und wiederzufinden.